Programm Herbst 2017

Sie möchten mehr über die Werke in unserem Herbstprogramm erfahren? Dann sind Sie hier beim Programmtext von Iris Eggenschwiler genau richtig!

Franz Schubert (1797–1828)
Ouvertüre zu «Rosamunde, Fürstin von Zypern» D.644 (1820)

Antonín Dvořák (1841–1904)
Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll, op. 104 (1894/95)
Solist: Alexandre Foster

Felix Mendelssohn (1809–1847)
Sinfonie Nr. 3 a-Moll „Schottische“, op. 56 (1829–1842)

 

Auf Reisen…

Franz Schubert (1797–1828) ist sein Leben lang nie über die Grenzen des österreichischen Kaiserreichs hinausgelangt – seine weiteste Reise ging 1825 (wie üblich mit der Kutsche) von Wien nach Salzburg und Gastein in Oberösterreich. Umso entlegener ist der Schauplatz des Theaterstücks Rosamunde der Schriftstellerin Hélmina von Chézy: In einer einfachen Hütte auf Zypern wächst die verwaiste Titelheldin heran, dazu bestimmt, den Thron des Königreichs zu besteigen – wäre da nur nicht der boshafte Statthalter Fulgentius, der dies mit allen Mitteln zu verhindern sucht. Theaterstücke mit Ouvertüren, Zwischenakt- und Bühnenmusiken anzureichern, sei es bereits bestehende Musik oder neu geschriebene, war eine gängige Praxis. Die Programmzettel für die Uraufführung der Rosamunde am 20. Dezember 1823 im Theater an der Wien kündigte die Musik als integralen Bestandteil bereits prominent an: «großes romantisches Schauspiel in vier Aufzügen, mit Chören, Musikbegleitung und Tänzen […]. Musik von Herrn Schubert.» Schubert hatte für die Komposition nur wenig Zeit zur Verfügung und schaffte es nicht mehr, rechtzeitig eine neue Ouvertüre zu komponieren – eine Rosamunde-Ouvertüre, wie sie heute auf dem Programm steht, hat er hat also eigentlich gar nie geschrieben. Stattdessen griff er zunächst auf die schon drei Jahre alte Ouvertüre zur seiner Oper Alphons und Estrella zurück. Die heute als Rosamunde-Ouvertüre bekannte Musik wurde erst nach Schuberts Tod mit dem Schauspiel in Verbindung gebracht. Es handelt sich dabei eigentlich um das Vorspiel zum Melodram Die Zauberharfe.

Antonín Dvořák (1841–1904) befand sich gewissermassen am Ende eines dreijährigen Forschungsaufenthalts, als er sein Konzert für Violoncello komponierte. 1892 hatte er die Direktorenstelle des New Yorker Konservatoriums übernommen, die mit dem Auftrag verbunden war, Amerika von der europäischen Musiktradition zu emanzipieren und der Neuen Welt zu einer eigenen nationalen Musiksprache zu verhelfen. Seine Hauptaufgabe war das Erteilen von Kompositionsunterricht, daneben dirigierte er regelmässig Konzerte mit seinen eigenen Werken, darunter seine 9. Sinfonie Aus der Neuen Welt, in der er amerikanisch empfundene Stilmittel wie Pentatonik, prägnante Synkopierungen und andere Folklorismen verarbeitete. Auch im Violoncellokonzert von 1894/95 sind solche «Amerikanismen» noch vorhanden – das Hauptthema des ersten Satzes exponiert gleich einen markanten erniedrigten Leitton (vgl. Abb. unten) – doch werden ihnen im Allgemeinen nicht mehr der gleiche Nachdruck verliehen. Ob dies mit der geplanten Uraufführung in London, dem tschechischen Solisten und Widmungsträger Hanuš Wihan oder Dvořáks bevorstehender Rückkehr nach Prag zu tun hatte, ist natürlich nicht ohne weiteres zu entscheiden. Eine eigentliche Heimwehmelodie versteckte Dvořák im Mittelteil des zweiten Satzes: das Lied «Lass mich nicht allein» war ein Lieblingsstück seiner schwer erkrankten Schwägerin Josefine Kounicová, die im Mai 1895 verstarb. Charakteristisch für das Werk ist die farbige Instrumentation und die enge Verzahnung von Solostimme und Orchester, so dass sogar Johannes Brahms, ein Meister des sinfonischen Instrumentalkonzerts, beim Blick in die Partitur ausgerufen haben soll: «Warum habe ich nicht gewusst, dass man ein Cellokonzert wie dieses schreiben kann? Hätte ich es gewusst, hätte ich schon vor langer Zeit eines geschrieben!».

Eine Bildungsreise gehörte seit dem 18. Jahrhundert zum Ideal des humanistisch gebildeten, wohlhabenden Bürgertums, zu dem auch die Berliner Familie Mendelssohn gehörte. Vater Abraham Mendelssohn hatte den rund achtmonatigen Aufenthalt seines Sohnes Felix in England und Schottland minutiös geplant, bevor dieser im April 1829 aufbrach. Die Landschaft des schottischen Hochlands, die er in seinem Reisetagebuch auch zeichnerisch festhielt, beeindruckte den jungen Komponisten tief und inspirierte ihn unter anderen Werken auch zu seiner «schottischen» Sinfonie. Es vergingen jedoch noch 13 Jahre und mehrere Überarbeitungsphasen, bevor sie im März 1842 im Gewandhaus in Leipzig zur Uraufführung gelangte. Wie später Dvořák verwendete auch Mendelssohn in seinem Werk einige folkloristische Motive, so zum Beispiel das Klarinettenthema am Beginn des zweiten Satzes; es ist aber mehr die innerliche Empfindungsmusik im Angesicht der faszinierenden Natur, welche die Sinfonie zyklisch zusammenhält. Die vier Sätze werden ohne Unterbruch – ohne «stimmungsmordende Pausen», wie Mendelssohn es einmal formulierte – musiziert. Im vierten Satz wird das Werk, ganz in der sinfonischen Tradition nach Beethoven, von a-Moll nach A-Dur, «vom Dunkel ins Licht», geführt.

Iris Eggenschwiler


Antonín Dvořák: Violoncellokonzert, 1. Satz, T. 1, Klarinetten in A