Programm Frühling 2018

Wir stellen Ihnen auch im Frühling 2018 gerne unser Konzertprogramm kurz vor – wie immer wurde der Text von Iris Eggenschwiler verfasst (vielen Dank!).

Domenico Dragonetti (1763–1846)
Konzert für Kontrabass und Orchester A-Dur
Kontrabass: Lina Humbel (SJO-Orchestermitglied)

Felix Mendelssohn (1809–1847)
Violinkonzert e-Moll, op. 64 (1838/39–1844)
Violine: Melissa Chen, Mischa Tapernoux (SJO-Orchestermitglieder)

Ludwig van Beethoven (1770–1827)
Sinfonie Nr. 1 C-Dur, op. 21 (1799–1800)

Leitung: Marc Urech

 

Das Frühlingskonzert des SJO steht im Zeichen des Solokonzerts: drei junge Musiker*innen des SJO treten heute als künstlerische Individuen aus dem Orchestertutti hervor und schlüpfen in die Rolle der Solistin, des Individualisten, der Künstlerin, des Virtuosen.

Ein solcher war auch der Kontrabassist Domenico Dragonetti (1763–1846): aufgewachsen in einfachen Familienverhältnissen, zunächst Strassen- und Kaffeehausmusiker in Venedig, dann Musiker an den Theatern der Stadt und schliesslich Stimmführer an der weltberühmten Basilika San Marco, zog es «Il Drago» 1794 in die Musikmetropole London. Als Solist, Orchester- und Kammermusiker wurde er zur europäischen Attraktion, verdiente ein Vermögen und stand mit den berühmtesten Musikern seiner Zeit in Kontakt. Noch im Alter von 82 Jahren reiste er 1845 zum ersten Beethoven-Fest in Bonn, um die Kontrabassgruppe in einer monumentalen Aufführung der Fünften zu leiten. Dragonetti setzte bezüglich Virtuosität und Spieltechnik neue Massstäbe auf dem zuvor vor allem als Fundamentinstrument verwendeten Kontrabass, und wie für einen Virtuosen damals üblich komponierte er auch um sein Solo-Repertoire anzureichern, darunter mehrere Konzerte für Kontrabass und Orchester. «Dragonettis» bekanntestes Konzert in A-Dur, das Lina Humbel heute spielt, ist allerdings Gegenstand einer Fehlzuschreibung und stammt wohl vom Bassisten und Musikforscher Édouard Nanny (1872–1942), der das Stück 1925 herausgab.

Melissa Chen und Mischa Tapernoux sind die Solisten in Felix Mendelssohn-Bartholdys (1809–1847) berühmtem Violinkonzert, das der Komponist für den Violinisten Ferdinand David (1810–1873) schrieb. Wie Dragonetti war auch David ein Meister seines Instruments, für welches er zahlreiche Konzerte und Bravourstücke schuf. Sein Jugendfreund Mendelssohn, der den Musiker 1836 als Konzertmeister ans Leipziger Gewandhausorchester geholt hatte, plante schon länger ein Violinkonzert für David, als ihn dieser im Sommer 1939 augenzwinkernd ermahnte: «ich lebe hier jetzt ganz einsam […] und komponire in der Verzweiflung Conzerte und Variationen, komme aber noch mit nichts recht in den Zug […]. Ich möchte jetzt so gerne einmal wieder etwas Neues von jemand andrem spielen aber es ist ein wahrer Jammer dass auch nicht ein vernünftiges Stück erscheint. Erbarme du dich doch u. schreibe ein Violinkonzert […]. Du bist der rechte Mann dazu, es kostet dich 14 Tage u. Du Erntest eine ewige Dankbarkeit; aber thu es bald ehe meine Finger steif werden und der springende Bogen das Podagra [die Gicht] bekommt.» aus den vierzehn Tagen wurden fünf Jahre, bis Mendelssohn das e-Moll-konzert zusammen mit David erprobte und es danach in Zusammenarbeit mit dem Geiger intensiv überarbeitete. Erst am 13. März 1845 erklang es zum ersten Mal in der Öffentlichkeit. Es ist das erste Violinkonzert, das nicht mit einem Orchestertutti beginnt, sondern mit einer Kantilene des Solisten.

Eine Ausnahmeerscheinung muss auch der junge Ludwig van Beethoven (1770–1827) gewesen sein, als er Ende 1792 in Wien ankam: ein gebürtiger Bonner mit auffälligem Rheinländerdialekt, ungezwungenem Auftreten, dazu noch gesegnet mit umso grösserem Selbstbewusstsein. Dabei war Beethoven noch gar nicht «Beethoven», sondern einer von vielen Schülern des Altmeisters Joseph Haydn, und sollte nach der Ausbildung als Hof-Komponist in seine Heimatstadt zurückkehren. Dazu kam es aber nicht, weil das Kurfürstentum Bonn von französischen Truppen besetzt und anschliessend aufgelöst wurde. Seiner Lebensgrundlage beraubt – Beethoven hatte aus Bonn ein Stipendium erhalten – musste sich der aufstrebende Künstler zunächst als Pianist und Lehrer behaupten. Erst 1795 stellte er sich der Wiener Öffentlichkeit auch als Komponist vor, nämlich mit einem eigenen Klavierkonzert, dessen Solopart er selbst spielte. Beethoven schrieb zunächst vor allem Klaviermusik – zwei Konzerte, solo Sonaten, Kammermusik – und mied die Gattungen, die Haydn geprägt hatte: die Sinfonie und das Streichquartett. 1800 war die erste Sinfonie beendet, eine Referenz vor dem ehemaligen Lehrer und ein erster Schritt zu neuen Ufern zugleich: eine langsame Einleitung, welche mit einem dissonanten Akkord beginnt und die Grundtonart zuerst finden muss, dann endlich ein drängendes Allegro con brio mit damals einzigartigen Holzbläsersoli, ein Andante con moto noch ganz ohne Pathos, aber voller haydnschem Esprit, ein dritter Satz, der zwar «Menuetto» heisst, aber eindeutig ein «Scherzo» ist, und schliesslich ein herantasten via Tonleiter an ein humoristisches Kehraus-Finale.

Programm Herbst 2017

Sie möchten mehr über die Werke in unserem Herbstprogramm erfahren? Dann sind Sie hier beim Programmtext von Iris Eggenschwiler genau richtig!

Franz Schubert (1797–1828)
Ouvertüre zu «Rosamunde, Fürstin von Zypern» D.644 (1820)

Antonín Dvořák (1841–1904)
Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll, op. 104 (1894/95)
Solist: Alexandre Foster

Felix Mendelssohn (1809–1847)
Sinfonie Nr. 3 a-Moll „Schottische“, op. 56 (1829–1842)

 

Auf Reisen…

Franz Schubert (1797–1828) ist sein Leben lang nie über die Grenzen des österreichischen Kaiserreichs hinausgelangt – seine weiteste Reise ging 1825 (wie üblich mit der Kutsche) von Wien nach Salzburg und Gastein in Oberösterreich. Umso entlegener ist der Schauplatz des Theaterstücks Rosamunde der Schriftstellerin Hélmina von Chézy: In einer einfachen Hütte auf Zypern wächst die verwaiste Titelheldin heran, dazu bestimmt, den Thron des Königreichs zu besteigen – wäre da nur nicht der boshafte Statthalter Fulgentius, der dies mit allen Mitteln zu verhindern sucht. Theaterstücke mit Ouvertüren, Zwischenakt- und Bühnenmusiken anzureichern, sei es bereits bestehende Musik oder neu geschriebene, war eine gängige Praxis. Die Programmzettel für die Uraufführung der Rosamunde am 20. Dezember 1823 im Theater an der Wien kündigte die Musik als integralen Bestandteil bereits prominent an: «großes romantisches Schauspiel in vier Aufzügen, mit Chören, Musikbegleitung und Tänzen […]. Musik von Herrn Schubert.» Schubert hatte für die Komposition nur wenig Zeit zur Verfügung und schaffte es nicht mehr, rechtzeitig eine neue Ouvertüre zu komponieren – eine Rosamunde-Ouvertüre, wie sie heute auf dem Programm steht, hat er hat also eigentlich gar nie geschrieben. Stattdessen griff er zunächst auf die schon drei Jahre alte Ouvertüre zur seiner Oper Alphons und Estrella zurück. Die heute als Rosamunde-Ouvertüre bekannte Musik wurde erst nach Schuberts Tod mit dem Schauspiel in Verbindung gebracht. Es handelt sich dabei eigentlich um das Vorspiel zum Melodram Die Zauberharfe.

Antonín Dvořák (1841–1904) befand sich gewissermassen am Ende eines dreijährigen Forschungsaufenthalts, als er sein Konzert für Violoncello komponierte. 1892 hatte er die Direktorenstelle des New Yorker Konservatoriums übernommen, die mit dem Auftrag verbunden war, Amerika von der europäischen Musiktradition zu emanzipieren und der Neuen Welt zu einer eigenen nationalen Musiksprache zu verhelfen. Seine Hauptaufgabe war das Erteilen von Kompositionsunterricht, daneben dirigierte er regelmässig Konzerte mit seinen eigenen Werken, darunter seine 9. Sinfonie Aus der Neuen Welt, in der er amerikanisch empfundene Stilmittel wie Pentatonik, prägnante Synkopierungen und andere Folklorismen verarbeitete. Auch im Violoncellokonzert von 1894/95 sind solche «Amerikanismen» noch vorhanden – das Hauptthema des ersten Satzes exponiert gleich einen markanten erniedrigten Leitton (vgl. Abb. unten) – doch werden ihnen im Allgemeinen nicht mehr der gleiche Nachdruck verliehen. Ob dies mit der geplanten Uraufführung in London, dem tschechischen Solisten und Widmungsträger Hanuš Wihan oder Dvořáks bevorstehender Rückkehr nach Prag zu tun hatte, ist natürlich nicht ohne weiteres zu entscheiden. Eine eigentliche Heimwehmelodie versteckte Dvořák im Mittelteil des zweiten Satzes: das Lied «Lass mich nicht allein» war ein Lieblingsstück seiner schwer erkrankten Schwägerin Josefine Kounicová, die im Mai 1895 verstarb. Charakteristisch für das Werk ist die farbige Instrumentation und die enge Verzahnung von Solostimme und Orchester, so dass sogar Johannes Brahms, ein Meister des sinfonischen Instrumentalkonzerts, beim Blick in die Partitur ausgerufen haben soll: «Warum habe ich nicht gewusst, dass man ein Cellokonzert wie dieses schreiben kann? Hätte ich es gewusst, hätte ich schon vor langer Zeit eines geschrieben!».

Eine Bildungsreise gehörte seit dem 18. Jahrhundert zum Ideal des humanistisch gebildeten, wohlhabenden Bürgertums, zu dem auch die Berliner Familie Mendelssohn gehörte. Vater Abraham Mendelssohn hatte den rund achtmonatigen Aufenthalt seines Sohnes Felix in England und Schottland minutiös geplant, bevor dieser im April 1829 aufbrach. Die Landschaft des schottischen Hochlands, die er in seinem Reisetagebuch auch zeichnerisch festhielt, beeindruckte den jungen Komponisten tief und inspirierte ihn unter anderen Werken auch zu seiner «schottischen» Sinfonie. Es vergingen jedoch noch 13 Jahre und mehrere Überarbeitungsphasen, bevor sie im März 1842 im Gewandhaus in Leipzig zur Uraufführung gelangte. Wie später Dvořák verwendete auch Mendelssohn in seinem Werk einige folkloristische Motive, so zum Beispiel das Klarinettenthema am Beginn des zweiten Satzes; es ist aber mehr die innerliche Empfindungsmusik im Angesicht der faszinierenden Natur, welche die Sinfonie zyklisch zusammenhält. Die vier Sätze werden ohne Unterbruch – ohne «stimmungsmordende Pausen», wie Mendelssohn es einmal formulierte – musiziert. Im vierten Satz wird das Werk, ganz in der sinfonischen Tradition nach Beethoven, von a-Moll nach A-Dur, «vom Dunkel ins Licht», geführt.

Iris Eggenschwiler


Antonín Dvořák: Violoncellokonzert, 1. Satz, T. 1, Klarinetten in A

Programm Frühling 2017

Während die Frühlingskonzerte (Infos & Reservation hier) immer näher kommen, hat Iris Eggenschwiler bereits eine kleine Werkeinführung für Sie geschrieben – viel Spass beim Einlesen in unser Frühlingsprogramm!

Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791)
Klarinettenkonzert A-Dur, KV 622
Solisten: Salome Etter, Ennio Schnieder, Simon Lantsch (SJO-Orchestermitglieder)

Carl Reinecke (1824 – 1910)
Flötenkonzert D-Dur, op. 283
Solistin: Magdalena Zwahlen (SJO-Orchestermitglied)

Robert Schumann (1810 – 1856)
Sinfonie Nr. 1 B-Dur „Frühlingssinfonie“, op. 38

 

Zwei «Spätwerke» und eine Frühlingssinfonie

«Nun meinen lebenslauf; – gleich nach Deiner Abseeglung Spielte ich mit Hr: von Mozart […] 2 Parthien Billard. – dann verkauffte ich um 14 duckaten meinen kleper [d. h. das Pferd]. – dann ließ ich mir durch Joseph den Primus rufen und schwarzen koffé hollen, wobey ich eine herrliche Pfeiffe toback schmauchte; dann Instrumentirte ich fast das ganze Rondó vom Stadtler.»

Aus einem Brief Mozarts an seine Frau Constanze, 7. Oktober 1791

Wolfgang Amadeus Mozart liess es sich im Oktober 1791 offenbar gut gehen und hatte allen Grund dazu. Seine letzte Oper, die Zauberflöte, lief im Theater auf der Wieden und war ein grosser Erfolg, und auch das nebenbei begonnene Klarinettenkonzert war fast fertig. Nur der dritte Satz, das «Rondó», musste noch fertig eingerichtet werden. Als nächster Auftrag wartete das Requiem, das ein anonymer Bote bereits im Sommer bestellt hatte. Nur zwei Monate später verstarb der noch nicht 36jährige Mozart in Wien. Dass Antonio Salieri, der angebliche Rivale, in Verkleidung Mozarts eigene Totenmesse bestellt und ihn anschliessend vergiftet haben soll, gibt zwar eine gute Story ab, hält aber keiner faktischen Überprüfung stand. Die Sterbeurkunde spricht kryptisch von «hitzigem Frieselfieber» – wohl ein rheumatisches Fieber, das eine Herzentzündung hervorrief und zum Tod führte.

Anton Stadler, Mozarts Freund und der Auftraggeber des Konzerts, war nicht nur ein ausgezeichneter, sondern auch ein experimentierfreudiger Klarinettist. Er spielte eine Bassettklarinette des Wiener Instrumentenbauers Theodor Lotz und konnte damit eine grosse Terz tiefer gelangen als mit einer gewöhnlichen Klarinette. Nach der Uraufführung zirkulierte schon bald eine Bearbeitung für die A-Klarinette, die bis heute meistens gespielt wird. Mozarts Autograph mit der ursprünglichen Fassung ist verschollen.

 

Als Carl Reinecke 117 Jahre später (im Alter von 84 Jahren) sein Flötenkonzert schrieb, konnte er auf fast ein Jahrhundert Musikgeschichte zurückblicken, das er als Dirigent, Pianist, Professor am Leipziger Konservatorium und als Komponist miterlebt und mitgeprägt hatte. Besonders Johannes Brahms’ feinsinnige Satztechnik hatte Reinecke beeindruckt, was sich auch im Orchestersatz des Flötenkonzerts gut erspüren lässt.

Als Chefdirigent des Leipziger Gewandhausorchesters hatte Reinecke von 1881 bis 1895 mit dem Soloflötisten Maximilian Schwedler zusammengearbeitet, dem er das Konzert widmete. Wie Anton Stadler war auch Schwedler ein aussergewöhnlicher Virtuose mit einem grossen Interesse am Instrumentenbau. Zusammen mit der Instrumentenbaufirma Kruspe hatte er die sogenannte Schwedler-Kruspe-Reformflöte entwickelt. Es handelte sich dabei um ein konisch gebohrtes Holzinstrument, also um eine Alternative zur zylindrischen, meist metallenen Böhmflöte, die noch heute normalerweise gespielt wird.

 

1839, knapp 50 Jahre vor Schwedlers Eintritt ins Leipziger Orchester, war im Gewandhaus zum ersten Mal Franz Schuberts «grosse» C-Dur-Sinfonie unter der Leitung von Felix Mendelssohn-Bartholdy erklungen. Robert Schumann war im Archiv des Vereins für Musikfreunde auf das Manuskript mit dem bisher praktisch unbekannten Werk gestossen und war tief beeindruckt von dessen «himmlischer Länge», der «Weite und Breite der Form» (so in seiner Neuen Zeitschrift für Musik), die er als kompositorische Alternative zu den omnipräsenten Sinfonien Beethovens und als Anknüpfungspunkt für sein eigenes sinfonisches Schaffen auffasste. In seiner ersten Sinfonie von 1841 übernahm er von Schubert die Technik, der Sinfonie ein Mottothema voranzustellen, das den motivischen Ausgangspunkt für den ersten Satz bildet und auch in den folgenden Sätzen anklingt. Es ist von einer Strophe aus Adolf Böttgers Frühlingsgedicht inspiriert, deren Rhythmus das Motto übernimmt: «O wende, wende deinen Lauf | Im Thale blüht der Frühling auf».

Die poetische Idee des Frühlings spiegelt sich auch in den Satzüberschriften, die Schumann in seinem Manuskript notierte: «Frühlingsbeginn», «Abend», «Frohe Gespielen» und «Voller Frühling».

 

Iris Eggenschwiler